„Use it or lose it“: Wie Sinnesverluste das Gehirn schwächen
Warum Hör- und Sehverlust das Demenzrisiko deutlich erhöhen und wie einfach man gegensteuern kann, erklärt Prof. Janine Diehl-Schmid, Chefärztin am Zentrum für Altersmedizin des kbo-Inn-Salzach-Klinikums. Im Interview spricht sie über aktuelle Forschungserkenntnisse, den großen Einfluss von Hör- und Sehschwächen, die Rolle sozialer Aktivität – und darüber, warum frühzeitige Vorsorge das Gehirn nachhaltig schützen kann.
Warum gelten Sinnesverluste – insbesondere Hör- und Sehschwäche – als relevante Risikofaktoren für Demenz?
Wenn Hören oder Sehen eingeschränkt sind, bedeutet das für das Gehirn zunächst mehr Anstrengung, es muss überkompensieren, um die akustischen bzw. optischen Reize verarbeiten zu können. Dadurch ist das Gehirn quasi in einer Daueranstrengung, es wird zunehmend geschwächt.
Ist die Hör- oder Sehschwäche sehr stark eingeschränkt, so gehen wiederum zu wenig Reize im Gehirn ein. Die für das Hören und Sehen zuständigen Hirnregionen fahren regelrecht herunter, und damit auch Hirnregionen, die eng mit den Hör- und Sehzentren verbunden sind, wie z.B. die Gedächtnisareale im Gehirn. Da für das Gehirn gilt: „use it or lose it“ kommt es zu einem allmählichen Abbau der Nervenzellen.
Eine unkorrigierte Hörschwäche wie auch eine ausgeprägte Sehschwäche führt dazu, dass sich die Betroffenen immer mehr zurückziehen, weniger an sozialen Aktivitäten teilnehmen, sich weniger unterhalten. Auch dieser Rückzug – wäre das Gehirn ein Muskel, würde man sagen: das mangelnde Training - schwächt die sogenannte „Gehirnreserve“ und das Gehirn wird anfälliger für pathologische Prozesse wie z.B. die Eiweißablagerungen bei der Alzheimer-Krankheit.
Wie stark ist der Zusammenhang laut aktueller Forschung?
Die Lancet Commission on dementia, prevention, intervention, and care, die alle paar Jahre die wissenschaftlichen Studien zu den Risikofaktoren für Demenz sichtet und bewertet, zählt Hörverlust seit Jahren zu den stärksten modifizierbaren Risikofaktoren überhaupt. Seit neuestem werden auch Sehbeeinträchtigungen, wie erhebliche Kurz- oder Weitsichtigkeit, Astigmatismus oder grauer Star zu den Risikofaktoren gezählt. Zusammen genommen geht die Lancet Commission davon aus, dass die Korrektur von Hör- und Sehschwäche rund 10 Prozent alle Demenzen vermeiden, oder zumindest den Beginn der Demenz deutlich nach hinten verschieben würde.
Warum gilt Hörverlust als einer der wichtigsten modifizierbaren Demenzrisikofaktoren?
Die Lancet Commission on dementia prevention, intervention, and care hat 14 Risikofaktoren für Demenz identifiziert: Geringe Bildung, eingeschränkte Hörfähigkeit, nachlassendes Sehvermögen, hoher Cholesterinspiegel, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, starkes Übergewicht, Bewegungsmangel, Depressionen, soziale Isolation, Alkohol, Rauchen, Kopfverletzungen, Luftverschmutzung). Würde man alle Risikofaktoren beheben (was in der Praxis zugegeben schwer möglich ist) gäbe es um 45% weniger Demenzerkrankungen auf der Welt. Sieht man sich die einzelnen Risikofaktoren an, so spielt die Hörschwäche tatsächlich mit 7% Risikominderung eine sehr wichtige Rolle. Dies liegt in erster Linie daran, dass die Hörschwäche so weit verbreitet ist, so hat rund ein Drittel der Menschen ab 65 eine relevante Hörminderung, der Anteil nimmt mit zunehmendem Alter zu. Allerdings trägt nur ein Bruchteil der Menschen mit Hörminderung Hörgeräte. Werden Hörprobleme früh erkannt und korrigiert, kann das Gehirn entlastet, soziale Aktivität aufrechterhalten und kognitive Leistungsfähigkeit stabilisiert werden.
Welche Mechanismen spielen dabei die größte Rolle: kognitive Belastung, weniger Hirnstimulation oder soziale Isolation?
Mit Sicherheit ist hier das Zusammenspiel ausschlaggebend. Das Gehirn muss bei Hörverlust ständig „mitraten“ – das kostet Kapazität, die an anderer Stelle fehlt und erschöpft auf Dauer. Das Fehlen akustischer Reize führt zugleich dazu, dass Nervenzellen, welche die Reize verarbeiten, weniger stimuliert werden, was wiederum langfristig zum Nervenzelluntergang führt. Und wenn Gespräche anstrengend werden, ziehen sich Menschen zurück – ein ganz wesentlicher Risikofaktor für Demenz.
Ab welchem Alter empfehlen Sie regelmäßige Hörtests?
Die ersten Hörtests werden ja glücklicherweise schon bei Säuglingen und Kindern bei den vorgeschriebenen Check-ups durchgeführt. Schon die unkorrigierte Hörschwäche im Kindesalter birgt die Gefahr, dass das Gehirn weniger stark, damit weniger widerstandskräftig und im Alter dann anfälliger für das Auftreten pathologischer Prozesse ist.
Ab etwa 55 Jahren sollte das Gehör regelmäßig überprüft werden – idealerweise alle zwei Jahre. Bei familiärer Vorbelastung, viel Lärm in Beruf oder Freizeit oder subjektiver Verschlechterung – und selbstverständlich, wenn man von Angehörigen oder Freunden darauf angesprochen wird - auch früher.
Welche Formen von Sehschwäche oder Augenerkrankungen erhöhen das Risiko am stärksten?
Alle Veränderungen am Auge, die zu einer deutlichen Sehschwäche führen, erhöhen das Risiko für eine Demenz, ausschlaggebend ist dabei nicht die Art der Veränderung oder Erkrankung sondern das Ausmaß der Sehschwäche. Am häufigsten sind sicher Fehlsichtigkeiten wie Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit und Astigmatismus. Erkrankungen wie Grauer Star, Makuladegeneration und Glaukom wiederum sind seltener, führen häufig aber sehr rasch zu schweren, teils auch unkorrigierbaren Einschränkungen des Sehvermögens.
Warum wirkt sich eine Sehschwäche so deutlich auf die kognitive Leistungsfähigkeit aus?
Auf genau die gleiche Weise, wie eben für die Hörminderung beschrieben wurde. Zunächst muss das Gehirn sich erst einmal mehr anstrengen, dann arbeiten die Nervenzellen aber anhaltend weniger, weil der Input fehlt, es kommt zu einer Reduktion der Aktivität und Vernetzung der Nervenzellen bis hin zum Nervenzelluntergang. Zudem führt eine Sehschwäche nicht selten zu sozialem Rückzug, evtl. auch zu Unsicherheit beim Gehen und damit geringerer Mobilität und Fitness – alles Risikofaktoren für kognitive Abbauprozesse.
Gibt es Hinweise darauf, dass Sehhilfen oder OPs wie beim Grauen Star das Demenzrisiko senken?
Ja. Mittlerweile gibt es gut gemachte Studien, die zeigen konnten, dass Menschen beispielsweise nach einer Katarakt-Operation langfristig ein geringeres Demenzrisiko haben als unbehandelte Vergleichsgruppen. Die gezielte Korrektur von Sehschwächen verbessert Sicherheit, Alltagsfunktion und soziale Aktivität, was das Gehirn nachweislich schützt.
Wie groß ist der Nutzen frühzeitiger Versorgung im Vergleich zu später Behandlung?
Hier trifft ganz klar zu: Je früher, desto besser! Andererseits ist es aber auch nie zu spät! Ich sehe in der klinischen Praxis oft Menschen mit fortgeschrittener Demenz, die durch eine ausgeprägte Hörschwäche noch einmal mehr beeinträchtigt sind. Auch diese Menschen profitieren extrem von einer Hörgeräteanpassung – mit einer Verbesserung von Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit und Alltagsbewältigung!
Was empfehlen Sie ganz konkret zur Vorsorge im Alltag?
Regelmäßige Hör- und Sehtests ab 55 Jahren, konsequente Nutzung von Hör- und Sehhilfen, Verzicht auf Nikotin und Alkohol, geistige und soziale Aktivität, viel Bewegung, Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes und Depressionen, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf.
Es gibt Studien, die nahelegen, dass eine Gürtelrose-Impfung das Demenzrisiko senken kann. Wie belastbar sind diese Erkenntnisse?
In der Tat sind die Ergebnisse aktueller Studien hochinteressant und wirklich vielversprechend. Es besteht kein Zweifel mehr, dass die Gürtelrose-Impfung das Risiko, kognitive Beeinträchtigungen bzw. eine Demenz zu entwickeln, reduzieren kann.
Was nun fehlt, ist eine Studie, in der zufallsverteilt ein Teil der Teilnehmer die Impfung erhält, der andere Teil nicht. Die Studienteilnehmer werden dann regelmäßig in Hinblick auf das Vorliegen demenzieller Symptome untersucht werden. Am Ende eines ein- bis zweijährigen Studienzeitraums sollte man dann sehr klar erkennen können, in welchem Ausmaß die Impfung hilft und ob es möglicherweise Gruppen von Menschen gibt, bei denen die Impfung sogar besonders wirksam ist.
Wie erklärt sich der Zusammenhang zwischen Gürtelrose und Demenz?
Nach einer Windpocken (Varizellen)-Infektion kann das auslösende Varizella-Zoster-Virus im Nervensystem verbleiben. Wird es im Rahmen einer Herpes-Zoster-Erkrankung, also einer Gürtelrose, reaktiviert, kommt es im Gehirn zu entzündlichen Prozessen. Chronische Entzündungen, sind Risikofaktoren für Demenzerkrankungen. Eine Impfung könnte diese Reaktivierungen und damit die Entzündungsreaktionen verhindern.
Man vermutet aber auch, dass die Impfung an sich einen Effekt hat. Durch die Impfung wird das Immunsystem aktiviert, das dadurch möglicherweise die pathologischen Prozesse, die beispielsweise bei der Alzheimer-Krankheit im Gehirn ablaufen, besser in Schach halten kann. Für diese Annahme spricht, dass Frauen in den erwähnten Studien mehr von der Impfung profitieren als Männer: man weiß, dass das weibliche Immunsystem generell besser auf Impfungen reagiert als das männliche.
Welche Bevölkerungsgruppen könnten am stärksten profitieren?
Frauen scheinen ganz besonders von der Impfung zu profitieren. Noch nicht geklärt ist, in welchem Alter die Gürtelrosen-Impfung die beste Wirksamkeit in Hinblick auf eine Demenzprävention hat oder ob womöglich Auffrischungsimpfungen den Demenz-präventiven Effekt noch intensivieren.
Benötige ich eine Impfung, auch wenn ich gegen Windpocken geimpft bin oder die Erkrankung durchgemacht habe?
Ja. Die Gürtelrose-Impfung richtet sich gegen die Reaktivierung des Virus, nicht gegen die Erstinfektion mit Windpocken. Sie wird unabhängig von der Windpockenhistorie empfohlen.
Wie ordnen Sie den Stellenwert der Gürtelrose-Impfung im Vergleich zu anderen modifizierbaren Risikofaktoren ein?
Die Impfung ist ein sehr vielversprechender ergänzender Baustein. Auch wenn viele Menschen die eine Spritze oder Pille bevorzugen würden – einen gesunden, aktiven Lebensstil, dem Schlüssel zur Demenzprävention, kann sie leider nicht ersetzen.