Zum Seitenanfang

Angst und Panik verstehen

Warum Verständnis für Betroffene so wichtig ist

Herzrasen, Atemnot, Schwindel, Kontrollverlust oder sogar Todesangst: Für Menschen mit einer Panikstörung sind Panikattacken keine bloße „Überreaktion“, sondern eine massive psychische und körperliche Ausnahmeerfahrung. Dennoch fühlen sich viele Betroffene in ihrem Umfeld oftmals missverstanden. Anlässlich des Welt-Panik-Tags am 18. Juni möchte das kbo-Inn-Salzach-Klinikum deshalb insbesondere Angehörige und das soziale Umfeld von Betroffenen über Panikstörungen aufklären und für den Umgang mit Betroffenen sensibilisieren.

„Menschen, die selbst noch nie eine Panikattacke erlebt haben, können häufig nur schwer nachvollziehen, wie intensiv und bedrohlich sich solche Situationen anfühlen.“, erklärt Prof. Dr. Peter Zwanzger, Ärztlicher Direktor des kbo-Inn-Salzach-Klinikums und Experte für Angst- und Panikstörungen. „Für Betroffene ist eine Panikattacke aber keine Einbildung und kein Zeichen von Schwäche, sondern eine reale, hochintensive körperliche und psychische Stressreaktion.“

Wenn der Körper Alarm schlägt

Panikattacken treten meist plötzlich und ohne erkennbare Vorwarnung auf. Typische Symptome sind Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche, Engegefühl in der Brust, Atemnot oder Schwindel. Viele Betroffene haben währenddessen das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, ohnmächtig zu werden oder sogar zu sterben. Nicht selten landen Menschen deshalb zunächst in der Notaufnahme, weil sie hinter den Beschwerden einen Herzinfarkt oder eine andere schwere körperliche Erkrankung vermuten. „Das Besondere an Panikattacken ist, dass Körper und Gehirn in einen extremen Alarmzustand geraten – obwohl objektiv keine akute Gefahr besteht.“, so Zwanzger. „Die Symptome sind dabei absolut real und für die Betroffenen oft hoch belastend.“

Wie genau Panikattacken entstehen, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. So spielen wohl mehrere Faktoren zusammen – darunter genetische Veranlagung, Stressbelastung, bestimmte Lebens- und Lernerfahrungen sowie Veränderungen in den Angst- und Stresssystemen des Gehirns. Häufig beginnt eine Panikattacke mit harmlosen körperlichen Reaktionen wie Herzklopfen oder Schwindel. Betroffene nehmen diese Signale jedoch besonders intensiv wahr und bewerten sie als gefährlich. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Die Angst verstärkt die körperlichen Symptome und die stärkeren Symptome wiederum die Angst. Das Gehirn schaltet gewissermaßen in einen Alarmmodus, obwohl objektiv keine reale Bedrohung besteht.

Wie Angehörige helfen können

Gerade Angehörige und enge Bezugspersonen spielen im Umgang mit Panikstörungen eine wichtige Rolle. Vielen fällt es jedoch schwer, angemessen zu reagieren – häufig auch aus Unsicherheit oder Hilflosigkeit. Aus fachlicher Perspektive ist vor allem eines entscheidend: Ruhe bewahren und Verständnis zeigen. „Betroffene brauchen in solchen Situationen keine Vorwürfe oder Bewertungen, sondern das Gefühl, ernst genommen und unterstützt zu werden.“, erklärt Zwanzger. Hilfreich sei es, ruhig zu sprechen, Sicherheit zu vermitteln und die betroffene Person nicht zusätzlich unter Druck zu setzen.

Wichtig ist außerdem, Panikattacken nicht zu bagatellisieren. Sätze wie „Reiß dich zusammen!“ oder „Dir fehlt doch überhaupt nichts!“ können das Gefühl von Isolation und Unverständnis verstärken. Gleichzeitig sollten Angehörige versuchen, die Angst nicht dauerhaft zu verstärken, etwa indem sie helfen, jede belastende Situation zu vermeiden. Dies kann dazu führen, dass sich die Störung langfristig verfestigt und der Alltag zunehmend eingeschränkt wird. „Angehörige bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Fürsorge und unbeabsichtigter Verstärkung der Erkrankung.“, erklärt Zwanzger. „Hilfreich ist es, Verständnis zu zeigen und Sicherheit zu vermitteln, ohne die Angst immer weiter zum Mittelpunkt des gesamten Lebens werden zu lassen.“ Konkret heißt das, Betroffenen in angsterfüllenden Situationen zur Seite zu stehen und sie durch diese Episoden zu begleiten.

Hilfe ist möglich

Panikstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und sind heute gut behandelbar. Schätzungen zufolge erkranken rund 15 bis 20 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens an einer behandlungsbedürftigen Angststörung. Eine Panikstörung im engeren Sinne betrifft etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung. Frauen erkranken dabei ungefähr doppelt so häufig wie Männer. Neben psychotherapeutischen Verfahren – insbesondere der Verhaltenstherapie – können je nach Ausprägung auch Medikamente zur Behandlung sinnvoll sein. Entscheidend ist vor allem, frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Viele Menschen schämen sich für ihre Symptome oder ziehen sich aus Angst vor weiteren Attacken immer stärker zurück.“, sagt Zwanzger. „Dabei ist gerade Offenheit wichtig. Panikstörungen sind keine persönliche Schwäche, sondern behandelbare Erkrankungen.“

Hilfe finden Betroffene zunächst über Hausärzte, psychotherapeutische Praxen, psychiatrische Fachärzte oder spezialisierte Ambulanzen und Kliniken. Auch psychosoziale Beratungsstellen oder Krisendienste können erste Anlaufstellen sein. Wichtig ist, Beschwerden frühzeitig ernst zu nehmen und professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen – insbesondere dann, wenn sich Ängste zunehmend auf Alltag, Arbeit oder soziale Kontakte auswirken. Angehörige sollten Betroffene behutsam ermutigen, Hilfe anzunehmen, ohne dabei Druck auszuüben oder Vorwürfe zu machen. „Viele Menschen mit Panikstörungen schämen sich für ihre Symptome oder hoffen lange, die Probleme alleine bewältigen zu können.“, erklärt Zwanzger. „Gerade deshalb kann ein verständnisvolles und unterstützendes Umfeld entscheidend dazu beitragen, dass Betroffene den Schritt in eine Behandlung wagen.“

Über den Welt-Panik-Tag

Der Welt-Panik-Tag wird jährlich am 18. Juni begangen und soll auf die Lebensrealität von Menschen mit Panikstörungen und anderen Angst­erkrankungen aufmerksam machen. Ziel des Aktionstags ist es, Vorurteile abzubauen, über Symptome und Behandlungsmöglichkeiten aufzuklären sowie Betroffenen und Angehörigen Orientierung zu geben. Denn ein unterstützendes Umfeld kann für Betroffene ein entscheidender Faktor auf dem Weg zurück in einen stabilen Alltag sein.