„Vom Denkmal zum Fragenstellen“
Stadtarchivar Matthias Haupt beleuchtet Wasserburgs Rolle im Nationalsozialismus
Wie wird aus einem Denkmal lebendige Erinnerungskultur – und welche neuen Fragen entstehen, wenn historische Quellen immer wieder neu betrachtet werden? Diesen Bogen spannte der Wasserburger Stadtarchivar Matthias Haupt bei seinem Vortrag am kbo-Inn-Salzach-Klinikum. Dabei zeigte er nicht nur, wie das Denkmal für die „Wasserburger Opfer“ des Nationalsozialismus am Heisererplatz zum Ausgangspunkt weiterer Beschäftigung mit der Geschichte geworden ist, sondern nahm auch die Stadt Wasserburg selbst als Akteur während der NS-Zeit in den Blick.
Das 2020 eröffnete Denkmal am Heisererplatz erinnert an Menschen aus Wasserburg, die Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurden. Bereits bei seiner Konzeption spielte die Erkenntnis eine wichtige Rolle, dass historische Forschung und Erinnerungsarbeit nicht abgeschlossen sind. Entsprechend sollte das Denkmal sowohl bekannte Opfergruppen sichtbar machen als auch Raum für weitere Forschung lassen. Haupt zeigte, wie sich dieser Gedanke inzwischen in der Praxis fortsetzt: Das Denkmal ist nicht nur Gedenkort, sondern zugleich Informations- und Ausgangspunkt für neue Fragen.
Namen geben den Opfern ihre Identität zurück
Eine zentrale Rolle spielt dabei das namentliche Gedenken. Über digitale Angebote können Besucherinnen und Besucher weiterführende Informationen abrufen. Das Stadtarchiv stellt zudem Publikationen, Quellen sowie pädagogische Materialien zur Verfügung. Dass daraus tatsächlich eine neue Auseinandersetzung mit einzelnen Lebensgeschichten entstehen kann, erlebt Haupt unmittelbar. Angehörige und Nachfahren wenden sich aufgrund der am Denkmal genannten Namen an das Stadtarchiv und stoßen damit weitere biografische Recherchen an. „Möglicherweise sind das Denkmal und die Auffindbarkeit der Daten Ausgangspunkt für Menschen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. So hatten wir Anfragen von Hinterbliebenen, die dadurch erst darauf aufmerksam geworden sind.“, berichtete Haupt.
Wasserburg war nicht nur Schauplatz, sondern Akteur
Im zweiten Teil seines Vortrags richtete Haupt den Blick stärker auf offene Forschungsfragen und insbesondere auf die Rolle der Stadt Wasserburg während der NS-Zeit. Ein Schwerpunkt war die Zwangsarbeit. Die historischen Quellen zeigen, wie tief sie in den damaligen Arbeitsalltag eingebunden war. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden nicht nur in privaten Unternehmen eingesetzt, sondern auch unmittelbar für die Stadt. „Die Stadt Wasserburg war nicht nur ‚Arbeitgeber‘, sondern auch aktiv an der Organisation und Verteilung beteiligt.“, erklärte Haupt. Allein in der Stadt seien rund 600 Zwangsarbeiter beschäftigt gewesen. Insgesamt habe zeitweise etwa jede sechste Arbeitskraft in Wasserburg zu den Zwangsarbeitern gehört.
Dabei machte Haupt deutlich, dass die idiologische Hierarchie und Entrechtung auch vor Ort konkrete Folgen hatte. Die Herkunft der Zwangsarbeiter bestimmte ganz wesentlich ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen. So zeigten sich auch bei der medizinischen Versorgung gravierende Unterschiede. Menschen aus Polen oder der Sowjetunion wurden insgesamt beispielsweise deutlich seltener im damaligen städtischen Krankenhaus behandelt, obwohl sie unter den Gefangenen überproportional vertreten waren. Krankheit sei bei diesen Gruppen bagatellisiert worden.
Zwischen wirtschaftlichen Interessen und Ideologie
Das damalige städtische Krankenhaus nahm Haupt genauer in den Blick: Die ausgewerteten Quellen zeichnen das Bild einer Einrichtung, bei der wirtschaftliche Überlegungen eine erhebliche Rolle spielten. Das nicht mehr zeitgemäße Krankenhaus sollte möglichst gut ausgelastet werden – die Behandlung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern war damit auch von wirtschaftlichen Interessen geprägt.
Gleichzeitig zeigte Haupt anhand weiterer Dokumente, wie schnell nationalsozialistische Vorstellungen und insbesondere eugenisches Gedankengut Eingang in das Handeln öffentlicher Stellen fanden. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten habe sich die politische Einflussnahme innerhalb weniger Monate vollzogen. Dokumente aus dieser Zeit zeigen unter anderem die Beteiligung örtlicher Stellen an Vorgängen rund um Zwangssterilisationen.
Für Haupt ergibt sich daraus ein deutliches Bild: Die Stadt Wasserburg war während des Nationalsozialismus nicht lediglich Schauplatz historischen Geschehens, sondern selbst Akteur. Dabei spielten wirtschaftliche Interessen ebenso eine Rolle wie politisch und ideologisch motiviertes Handeln. Aus den von damaligen Verantwortlichen unterzeichneten Dokumenten lasse sich schließen, dass diese „systemstützend agiert“ hätten, so Haupt. „Es gab keinen nachweislichen moralisch-ethischen Kompass zu dieser Zeit. Dieser lässt sich in den Aufzeichnungen nirgends finden.“ Zugleich bestehen bis heute Forschungslücken. So sind beispielsweise die damaligen Sterblichkeitszahlen im städtischen Krankenhaus nicht ausreichend erforscht – und möglicherweise heute auch nicht mehr vollständig zu rekonstruieren.
Damit führte der Vortrag zurück zu seinem Ausgangspunkt: Erinnerungskultur erschöpft sich nicht im Errichten eines Denkmals. Ein Denkmal kann vielmehr Anlass sein, Namen und Biografien sichtbar zu machen, Quellen neu zu erschließen und auch unbequeme Fragen an die eigene lokale Geschichte zu stellen. Wie unmittelbar daraus Fragen für die Gegenwart entstehen können, zeigte sich in der anschließenden Diskussion, an der sich die zahlreich anwesenden Wasserburger Stadträtinnen und Stadträte beteiligten. Dabei rückten unter anderem Straßennamen in den Fokus, die an Personen erinnern, deren Rollen zur Zeit des Nationalsozialismus heute unklar sind oder sogar kritisch betrachtet werden müssen. Im Stadtrat soll nun die Frage aufgegriffen werden, wie mit diesen Benennungen umzugehen ist und wie die historischen Hintergründe der jeweiligen Namensgeber geprüft und bewertet werden können.
Für Dr. Karsten Jens Adamski, Geschäftsführer des kbo-Inn-Salzach-Klinikums, zeigt gerade diese Diskussion, welchen Wert eine aktive Erinnerungskultur haben kann: „Genau darum geht es bei Formaten wie diesem: Geschichte nicht nur zu betrachten, sondern sich mit ihr auseinanderzusetzen und daraus Fragen für die Gegenwart abzuleiten. Wenn eine solche Veranstaltung gesellschaftliche und politische Diskussionen anstößt und daraus konkretes Handeln entsteht, dann wird Erinnerungskultur lebendig.“
Wasserburgs Erster Bürgermeister Bastian Wernthaler unterstrich zum Abschluss die Bedeutung dieses Engagements: „Man erkennt deutlich, dass das Thema Erinnerungskultur am kbo-Inn-Salzach-Klinikum nicht nur ein Pflichtprogramm ist, sondern wirklich ernst genommen und von den Akteuren leidenschaftlich vorangetrieben wird.“